© Karim Fereidooni

Lieber Herr Fereidooni, die Landesregierung führt zum ersten Mal eine Studie zu Rassismus - in diesem Fall Antisemitismus- in der Schule in NRW durch. Was ist das Besondere an Ihrer Studie?

Wir gehen methodisch andere Wege als andere Studien. Wir führen keine Interviews, sondern machen Unterrichtsbeobachtung auf der einen Seite und auf der anderen Seite wollen wir Unterrichtsmaterialien entwickeln. Wir haben ein Team von drei Personen, -einen wissenschaftlichen Mitarbeiter und eine abgeordnete Lehrkraft, unterstützt von einer wissenschaftlichen Hilfskraft. Die beiden Erstgenannten gehen in Schulen und gucken sich den Unterricht in den Fächern evangelischer, katholischer und islamischer Religionslehre sowie Geschichte und Politik an.

Dieses geschieht nicht durchgängig, sondern sie werden spezifische Unterrichtssettings beobachten, wie z.B. der Nahost-Konflikt behandelt, der Holocaust im Geschichtsunterricht oder das Judentum in Religion besprochen wird. Dabei kommt ein von uns entwickeltes Analyseraster zur Anwendung. Beispielsweise spielt da eine Rolle, wie die Kommunikationszusammenhänge zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen oder innerhalb der Schülerschaft sind, wenn über das Judentum gesprochen wird. Welche Bildsprache wird verwandt, z.B. in den Schulbüchern, wenn Israel oder die israelische Armee thematisiert wird.

Wie grenzen Sie Ihren Beobachtungsgegenstand ein, werden Sie sich auch Lehrpläne vornehmen?

Wir werden uns die o.g. Unterrichtsfächer anschauen und dabei abgleichen, was theoretisch laufen muss und wie das praktisch umgesetzt wird.

Wir nehmen den Unterricht in den Fokus. Ich wurde gefragt, warum wir nicht auf dem Schulhof gehen, sondern nur den Unterricht fokussieren. Wir glauben, der Unterricht soll darauf angelegt sein, antisemitistischen Vorstellungen begegnen zu können. Wir gucken uns also v.a. die formelle Phase an, nämlich, was läuft da eigentlich im Unterricht an guten Sachen, aber auch an kritischen Sachen. Darüber hinaus werden wir auch auf den Schulhof gehen.  

Uns geht es nicht darum Lehrer*innenbashing zu betreiben, sondern uns geht es darum Lehrer*innenbildung besser zu machen. Denn an diese wollen wir die Ergebnisse zurückkoppeln. Wir wollen Fortbildungsmaßnahmen konzipieren mit Hilfe der empirischen Erkenntnisse.

 

Vom Titel der Studie "Antisemitismus als soziales Phänomen in der Schule" ausgehend habe ich angenommen, dass es vor allem um die Beobachtung des Verhaltens der Schüler*innen geht.

Es geht sowohl darum, wie sich Schüler*innen im Unterricht äußern, als auch die Lehrkräfte und dabei - meistens untintendiert - antisemitische Stereotypen reproduzieren, obwohl sie eigentlich was Gutes im Sinn haben.

Uns geht es auch darum zu schauen, was passiert eigentlich an Schule total Gutes. Wir wollen uns nicht nur auf die negativen Aspekte beziehen, sondern wir wollen auch gute Modelle heranziehen, damit wir diese in den Lehrkräftefortbildungen aufgreifen können.

Es geht sowohl um Schüler*innen als auch um Lehrkräfte. Denn letztere haben eine Multiplikator*innenfunktion.

 

Für uns stellt sich die Frage nach den Wechselwirkungen mit anderen Formen das Rassismus und der Intersektionalität.

Das Projekt ist auf Antisemitismus fokussiert. Wir werden uns spezifisch anschauen, wie über jüdische Männer oder über jüdische Frauen gesprochen wird. Diese intersektionale Sichtweise haben wir sicherlich mit drin. Nur in einem Forschungsprojekt können wir nicht unterschiedliche Rassismen -Anti-Schwarzen-Rassismus, Antimuslimischen Rassismus oder Gadjé-Rassismus - erforschen. Es geht um Antisemitismus intersektional gedacht.

 

Geht es auch um die Sprecher*innenrollen z.B. in Bezug auf Gender, von dem/der*jenigen, die im Unterricht agieren?

Wir dürfen das Projekt nicht überdehnen mit allen möglichen Ungleichheitskategorien. Natürlich spielt auch die Sprecher*innenposition auf der Gendermatrix eine Rolle. Aber in erster Linie geht es um die intendierte und unintendierte Reproduktion von Rassismus im schulischen Setting von allen schulischen Beteiligten.

 

Es gibt die von rechter Seite lancierte Erzählung über den sog. "importierten Antisemitismus", den muslimische Einwander*innen nach Deutschland gebracht haben sollen. Wie gehen Sie in der Studie damit um?

Wir werden uns alle Formen des Antisemitismus anschauen. Wir beziehen uns dabei auf die Studie von Julia Bernstein, die Interviews mit jüdischen und nicht-jüdischen Lehrkräften geführt hat und dabei unterschiedliche Formen des Antisemitismus zugrunde gelegt hat.

Gleichzeitig glaube ich, dass es sehr verkürzt ist, das Problem des Antisemitismus nur den Leuten anzuhängen, die seit 2014 in Deutschland sind. Und, dass sich damit die weiß-christliche Gesellschaft reinwäscht von Antisemitismus.

 

Sehen Sie eine Übertragbarkeit der Ergebnisse der Studie auf andere Formen des Rassismus?

Wir müssen die unterschiedlichen Rassismen in ihren Spezifika betrachten. So schreibt z.B. der Anti-Schwarzen-Rassismus, schwarzen Menschen eher defizitäre Eigenschaften zu und im Gegensatz dazu der Antisemitismus hegemoniale Eigenschaften den Juden. Was aber sicherlich der Fall ist, dass wir darauf zu sprechen kommen müssen: Was läuft eigentlich in der Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf Antisemitismus entweder gar nicht oder nicht richtig?

Und das hat eine gewisse Übertragbarkeit auf andere Formen des Rassismus. Auch in Bezug auf Anti-Schwarzen-Rassismus, Gadjé-Rassismus oder antimuslimischen Rassismus gibt es Lücken, die gefüllt werden müssen mit rassismuskritischer Lehrer*innenaus- und -fortbildung. Man verlangt sehr viel von den Lehrkräften, ohne diese in der ersten und zweiten Phase ihrer Ausbildung in Bezug auf diese unterschiedlichen Rassismen zu schulen.

 

Und das ist Ihr Anspruch, das möglichst früh in die Ausbildung der Lehrer*innen zu integrieren?

An der RUB machen wir das in der Sozialwissenschaft, wofür ich zuständig bin. Wir thematisieren unterschiedliche Ungleichheitsstrukturen in einem Team-Teaching-Format, welches interdisziplinär – eine Kooperation mit einem Politikwissenschaftler, einer Soziologen und einem Ökonomen- aufgestellt ist und binden auch das Schüler*innenlabor mit ein.

In der ersten Phase der Lehrer*innenbildung hängen die Inhalte stark von den Lehrstuhlinhaber*innen ab. Da würde ich mir als erstes wünschen, dass wir zu obligatorischen rassismuskritischen Bestandteilen der Lehrer*innenbildung kommen.

Der zweite Punkt ist, dass z.B. alle Ärzt*innen in Deutschland in einer gewissen Zeit eine bestimmte Anzahl von Fortbildungspunkten sammeln müssen, welches auch von der Ärztekammer nachgehalten wird. Lehrer*innen dagegen können 40 Jahre ihrem Job nachgehen und keine einzige Fortbildungsveranstaltung besucht haben. Das finde ich falsch. Da brauchen wir einen Beschluss etwa in der KMK oder jedenfalls in der Landesregierung NRW, dass obligatorische Fortbildung fest verankert werden. So müssten Lehrkräfte, die sich auf Beförderungsstellen bewerben, in den letzten 5 Jahren 2-3 Fortbildungen besucht haben.


Wann ist mit den ersten Ergebnissen zu rechnen?

Es gibt erste Zwischenergebnisse im Laufe des Frühjahrs/Sommers 2021.

Lieber Herr Fereidooni, vielen Dank für Ihre Ausführungen zu dieser spannenden Studie. Wenn diese Ergebnisse vorliegen, würde ich Sie gern noch einmal befragen.

 

Links

Das Interview führte Hartmut Reiners, Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit bei ARIC-NRW e.V.